… und warum Startups sich genau überlegen sollten, ob sie sich einen Unternehmensinvestor in den Cap Table holen sollten

Immer mehr etablierte Branchen-Unternehmen, die den Druck der Digitalisierung spüren, entscheiden sich dafür, in Startups zu investieren. Einige tun dies sogar nach anfänglichen Gehversuchen – oder sogar als grundlegende Unternehmensstrategie in einem separaten Venture-Arm zur Verwaltung von Beteiligungen. Ob diese Wagniskapital-Investitionen dazu dienen sollen, Innovation ins Unternehmen einzukaufen, ob es um eine Geschäftsmodell-Erweiterung des eigenen Kerngeschäfts geht oder um die Hoffnung auf großartige Profite ist erstmal nebensächlich. Grundsätzlich gilt ohne Hinterfragen der Motivation, dass Investments in Startups durch Corporate VCs für beide Seiten eine großer Herausforderung darstellen, zu großen Problemen führen und sowohl etablierte Unternehmen wie Startups sich gut überlegen sollten, ob sie diesen Schritt wirklich gehen wollen.
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Schwierigkeiten mit Technologien

Unternehmensinvestoren fehlt es an Zeit, Ressourcen und Fachwissen, um interne Impulse für die Umsetzung neuer Technologien und Strategien zu generieren oder zu integrieren. Insbesondere solche Corporte VCs, die eigene Inkubatoren- oder Acceleratorenprogramme führen zwar zu kleinen Investments und Pilotprojekten, doch eine konsequente Partnerschaft auf Augenhöhe scheitert häufig an unternehmensseitig fehlendem Willen oder auch Ressourcen.
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Unerwünschte Skalierbarkeit

Corporates haben Ihren Eigennutzen, beispielsweise die eigene Effizienzsteigerung oder Geschäftsmodellerweiterung im Fokus. Es widerspricht in der Regel jeglicher Zielsetzung, Lösungen auch Wettbewerbern zugänglich zu machen. Sie investieren daher nicht unter dem Gesichtspunkt, ob ein Geschäftsmodell schnell skalierbar, disruptiv und marktverändernd werden kann bzw. können diese Entwicklung – ob absichtlich oder unabsichtlich – sogar verhindern.
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Starres Konzerngerüst

Corporates verstehen nicht, wie wichtig ein VC-fähiges Setup des Startups ist. Außerdem fehlt Ihnen das nötige Investment-Netzwerk. Wachstum braucht aber meist viel Geld: von Wagniskapitalgebern. Doch Corporates glauben, dass bereits Ihr Einsatz von ein paar hundert- bis 1,x Mio € 25,1% Anteile und mehr wert sind. Sie verlangen viele Anteile und konzernübliche Kontrollrechte. So sorgen sie dafür, dass die Gründer in Augen von Wagniskapitalgebern eine zu schwache Stellung haben und nicht ausreichend incentiviert sind. Damit wird ein Investment durch VCs unattraktiv.
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Absurde Profitabilität

Investitionen müssen sich direkt rechnen. Auch solche in Innovation und Digitalisierung.
Das Bewusstsein, dass Prozessoptimierung und je nach Fortschritt bei Mitbewerbern auch Geschäftsmodellerweiterung zunächst erstmal blanken Kampf ums Überleben darstellen, fehlt. Absurd anzunehmen, dass ein Unternehmensvertreter Kosten plant um sinkender Profitabilität entgegenzusteuern. Und absurd, von Startups direkte Profitabilität, erst recht fürs eigene Investment in kurzer Zeit zu erwarten.
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Fehlende Agilität

Corporates bewegen sich langsam. Wer als Startup in Pilotprojekte mit Corporates einsteigt, bindet häufig langfristig Ressourcen, die zu Lasten der Schnelligkeit gehen. Das Bewusstsein, wie schädlich dies für Startups sein kann, fehlt auf Corporate-Seite allerdings meist. Und selbst wenn der Wille da ist, verhindern lange Entscheidungswege, diverse Strukturen oder konzernpolitische Macht-Spiele Agilität. Wer den Corporate erstmal im Cap Table hat, kann dieser Falle nicht mehr einfach entkommen.
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Schlechte Zahlungsmoral

Mehrstufige, langwierige Freigabeprozesse für Verträge oder Rechnungen bis hin zur Veranlassung von Zahlläufen sind in Corporates Standard – oder müssen aus Compliance Gründen sogar so sein. Dies kann Subunternehmer, erst recht Startups, in ernste finanzielle Schwierigkeiten bringen. Bei Kooperationen mit investierten Corporates bringen dann Mahnungen & Co. doppelten Ärger.
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Ablehnung von VCs

Die Suche nach Einhörnern ist das Geschäftsmodell von VCs. Es gibt in keiner Branche ein Einhorn-Beispiel, bei dem ein Corporate VC eine Rolle spielte. Im Gegenteil. Umfragen unter großen VCs zeigen, dass diese unter keinen Umständen mit Corporate VCs zusammenarbeiten möchten.
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Reporting Verpflichtungen

In bestimmten Fällen sind Corporates verpflichtet, Ihre eigene Perfomance regelmäßig zu berichten. Dies betrifft dann auch die von Beteiligungen. Bei reinem Finanzkennzahlen-Reporting fallen Startups häufig negativ auf bzw. die relevanten Wachstums-KPIs finden keine Beachtung. Corporate VCs wissen häufig auch gar nicht um Benchmarks und Best Practice Informationen. Abgesehen vom erheblichen Aufwand zur Erstellung entsprechender Reportings kann dies zu Erfolgsdruck führen, der je nach Unternehmensphase des Startups schädlich ist.
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Sich verändernde Strategien

Corporates möchten häufig "irgendwas machen" und haben dann Schwierigkeiten Prioritäten zu setzen. Gleich, ob Pilotprojekt, Kooperation oder bloße Beteiligung – nicht selten sind Startups mit wechselnden Ansprechpartnern, unterschiedlichen Motivationen oder schlimmstenfalls sich verändernden Strategien auf Seiten der Corporates konfrontiert. Wenn sich die Priorität beim Corporate VC plötzlich weg vom Startup bewegt, können die fehlende Ressourcen-Zur-Verfügungsstellung, das fehlende Sparring oder auch sicher geglaubte Auslastung auf Seiten des Startups zu Problemen führen.
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Unterschätzter Aufwand

Wenn Corporates anfangen digital werden zu wollen, verfallen sie häufig in klassisches Besitzdenken und „kaufen“ sich Anteile an jungen Unternehmen. Nach dem Motto sich ddie Digitalisierung zu kaufen. Wie viel Aufwand das Beteiligungsmanagement (an Startups auch im Vergleich zu sonstigen Konzerngesellschaften) bedeutet, wird dabei völlig unterschätzt oder überhaupt nicht erwartet. Entsprechend können sich Prozesse wie beispielsweise Finanzierungsrunden oder wichtige Gesellschafter-Entscheidungen auf Seiten des Startups schmerzhaft verzögern oder sogar scheitern.
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Redundanz

Unternehmen versuchen oft, große Herausforderungen der Branche zu lösen, indem sie isoliert den Aufwand verdoppeln und nicht von den Erfahrungen anderer Unternehmen lernen. Dies widerspricht den offenen, auf Kooperation angelegten Strukturen von Startups. Wenn Silodenken eines Corporate-VCs Startups von Kolaboration abhält oder dies aktiv verhindert, ob zum Wettbewerbsschutz oder aus klassischer Konzerndenke, kann dies massive Innovations- und Wachstumsbremse für das Startup bedeuten.
Es gibt durchaus positive Beispiele, bei denen Corporates ganze Venture Firmen aufgesetzt haben. Diese mit dem klaren Ziel Wagniskapital zu investieren, um daraus Profit zu generieren. Nicht als Zusatzhobb, nicht als Innovations-Einkauf, nicht mit dem Fokus der Geschäftsmodell-Erweiterung und nicht als vermeintlicher easy und quick Profit-Win. Eben ganz ohne Verknüpfung zum operativen Business. Als separate, unabhängige Entity. Mit entsprechenden agilen Strukturen, Know-How und mit vorhandener Netzwerkanbindung, von denen Startups profitieren können.

Dies kann eine hervorragende Strategie sein. Und dies können optimale Partner für Startups auf Wachstumskurs sein. Leider hat dies mit der Herangehensweise vieler etablierter Unternehmen heute wenig zu tun.

Further Readings:

  • Unser Booster Alumni Tim Meger-Guinkamp hat aus seinen eigenen Erfahrungen einen Kommentar zum Thema Zusammenarbeit mit strategischen Investoren geschrieben. Hier geht’s zu dem Beitrag.
  • Warum Corporate Venture Capital übrigens häufig als „Tourist Capital“ gilt, könnt ihr hier nachlesen.
  • Zur Motivation von Corporate Venture Capital könnt ihr hier mehr lesen.

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