Deutschland, einig Digitalland?! by Eucon Digital GmbH

By 03.06.2020 September 4th, 2020 Expertenbeitrag

Noch immer sind mit dem Megatrend Digitalisierung hierzulande zu viele falsche Assoziationen verbunden. Und immer noch gibt es zu viele rein kosmetische Maßnahmen. Was wirklich effektiv ist, sind vollständig digitale Prozesse. Unternehmen sollten sich zu Beginn einen einzelnen Geschäftsprozess auswählen – gleichsam als Blaupause für einen rundum digitalen Workflow. Parallel muss ein dauerhaftes Innovationsmanagement etabliert werden.

Kein Unternehmensvertreter würde behaupten, dass Digitalisierung für ihn keine Rolle spielt. Doch dieser Haltung stehen Fakten entgegen, die immer noch aufseufzen lassen. Beispielsweise der Glasfaserausbau als Garant für schnelle Internetverbindungen. Im vergangenen Jahr betrug der deutsche Anteil der Glasfaseranschlüsse nach Angaben der OECD 3,6 Prozent aller Festnetzanschlüsse. Zum Vergleich: In Spanien liegt der Anteil bei 62,5 Prozent, in Südkorea sogar bei 81,7 Prozent. Ein anderes Beispiel ist die Versorgung mit öffentlichem WLAN. Bereits vor sechs Jahren verfügten unsere französischen Nachbarn laut einer Studie des britischen Internetanbieters ipass über 13,1 Millionen öffentliche Hotspots. Heute werden es rund 20 Millionen sein, davon der größte relative Anteil in der Hauptstadt Paris. Und Deutschland? Die Bundeshauptstadt rühmte sich zum Jahresende 2019, dass das Landesprogramm „Free Wifi Berlin“ bis Ende 2021 die Zahl von 7.000 öffentlichen Hotspots erreichen wird. Nun mag der ein oder andere einwenden, dass wir doch seit drei Jahren auf Bundesebene eine eigene Staatsministerin für Digitalisierung haben. Bei der Suche nach ihrer Tätigkeit stößt man jedoch leider nur auf ihren Lebenslauf und einigen Äußerungen zur Taxi-Drohne. Die Google-Suche verweist größtenteils auf das bayerische Digitalministerium. Derweilen treibt die Sorge durchs Land, dass wir angesichts der effizient genutzten Datenmassen in den USA und China unseren Wohlstand in Europa sehenden Auges aufs Spiel setzen.

Diese Punkte sollen alles andere als ein typisch deutsches Lamento sein. Gleichwohl sind sie Spiegelbild für den digitalen Status Quo unserer Wirtschaft, wenngleich es einige, digital bestens aufgestellte Unternehmen – auch in der Immobilienwirtschaft – gibt. Indizien hierfür liefern beispielsweise der Zukauf von Startups oder die Ernennung von Chief Digital Officers (CDO). Laut PwC hatten im Jahr 2019 immerhin 48 Prozent der börsennotierten deutschen Unternehmen einen solchen Posten kreiert. In Frankreich sind es allerdings schon 66 Prozent. Wenn ein CDO jedoch nicht zur Geschäftsführung gehört bzw. nicht die volle Rückendeckung derselben genießt, dann bleibt die Etablierung digitaler Prozesse weiterhin eine Sisyphusarbeit – am Ende rollt der mühsam hochgezogene Stein der Digitalisierung im Sauseschritt wieder nach unten. Innovation (und darunter darf eben nicht nur Technologie verstanden werden), ist vor allem ein Dauerprozeß, der permanent und perpetuierend stattfinden muss. Das Innovationsmanagement muss integraler Bestandteil der Unternehmensorganisation und damit in der Lage sein, das Unternehmen jederzeit, auch kurzfristig, in neue Fahrwasser zu begleiten. Die aktuelle Krise zeigt nur allzu deutlich, dass wieder einmal das Dach erst repariert wird, wenn es regnet.

 

Im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarländern ist Deutschland eine Internet-Wüste

Digitale Prozesse statt Digitalisierung

Es ist begrüßenswert, dass zumindest die konkrete Formulierung des digitalen Prozesses nun nach und nach an Popularität gewinnt. Der pauschale Begriff Digitalisierung erhält so allmählich einen stärkeren Praxisbezug. Die gelungene digitale Gestaltung eines vollständigen Geschäftsprozesses ist als Startpunkt und Blaupause geeignet, um darauf aufbauend weitere Prozesse im Unternehmen in den digitalen Fokus zu nehmen. Das Rechnungswesen bietet ein Beispiel hierfür. Rechnungen als standardisierte und massenhaft vorkommende Dokumente werden eingelesen, richtig benannt und automatisch dem passenden Vorgang zugeordnet – dank Machine Learning. Am Ende steht ein fertiger Kontierungsvorschlag. Durch Schnittstellen mit dem jeweiligen ERP-System des Unternehmens als Buchungsplattform bedarf es nur noch der Bestätigung per Knopfdruck für den Zahlungsvorgang. Hier werden also systematisch Daten aus elektronisch vorliegenden Rechnungen ausgelesen und miteinander verknüpft. Es kann nicht häufig genug betont werden: Digitalisierung ist nicht allein die Überführung analoger in digitale Dokumente – durch Scan und Ablage in einer Cloud. Digitale Prozesse beginnen erst dann, wenn die Inhalte dieser Dokumente weiter – über ihren originären Zweck hinaus – nutzbar gemacht werden können für weitere Geschäftsvorgänge. Die daraus resultierenden Mehrwerte setzen Kräfte für zusätzliche Innovationen frei und werden so zur Grundlage für nachhaltige Kundenzufriedenheit und höhere Renditen.

Wie wir alle wissen, ist die Triebfeder für Machine Learning die Menge an Trainingsdaten. Die bekannten US-Konzerne haben durch ausgeklügelte Geschäftsmodelle und kundenfreundliche Produkte solche Daten in großem Umfang generieren und gewinnbringend nutzen können. Deutschland dagegen steckt sowohl bei der Kundenfokussierung als auch beim Datenaustausch oft noch in den Kinderschuhen. Es fehlt hierzulande der Gedanke, dass eine gewisse Datentransparenz zwangsläufig zur höheren Produktqualität führt. Umso erfreulicher ist daher die inzwischen auch in der Immobilienbranche gewachsene Bereitschaft zu Kooperationen – zwischen digitalen Dienstleistern untereinander wie auch zwischen ihnen und den etablierten Immobilienunternehmen. Kooperationen befördern die dringend benötigten Datenstandards, liefern Synergieeffekte zwischen unterschiedlichen Geschäftsmodellen und schaffen dank größerer Datenbasis umso effizientere Produkte. Auf diesem Wege entstehen digitale Plattformen mit hoher Akzeptanz im Markt, die unsere weiterhin starke Abhängigkeit von nicht-europäischen Lösungen reduzieren. Es ist begrüßenswert, dass die EU-Kommission unter der Führung von Ursula von der Leyen dies genauso sieht und bereits mittelfristig die von ihr postulierte „technologische Souveränität“ anstrebt. Die deutsche Immobilienwirtschaft kann durch bereits bestehende Initiativen wie z.B. der gif-Datenraumrichtlinie einen gewichtigen Beitrag dazu leisten. Es ist noch nicht zu spät, unsere Branche zu einem digitalen Spitzenreiter zu machen.

 

Seit Anfang November 2018 ist Heike Gündling Managing Director Real Estate der Eucon Digital GmbH in Münster, dem weltweit erfolgreichen Digitalisierungsexperten für Daten- und Prozessintelligenz. Das Unternehmen hilft Real Estate-Unternehmen, Daten und Dokumente schneller, transparenter und flexibler zu managen. Die gelernte Diplom-Kauffrau gilt branchenweit als Expertin für die Optimierung der Immobilienprozesse.

Heike Gündling bringt mehr als 25 Jahre Erfahrung in leitenden Funktionen der Kredit- und Immobilienwirtschaft mit. Zuletzt war sie COO des Proptechs Architrave. Davor verantwortete sie das operative Geschäft der Bilfinger Real Estate. Sie war unter anderem Gründerin und Geschäftsführerin des Beratungsunternehmens Addreal und Managing Director bei Corpus Sireo Asset Management.

 

Du suchst Impulse zur zukünftigen Ausrichtungen Deines Verantwortungsbereichs? Oder neue Umsatzmöglichkeiten?

Profitiere vom Netzwerken, gezielten PropTech Scouting oder aktiven Digitalisierungs-Begleitung bei blackprint Booster!

Mehr von den Experten für die digitale Immobilienbranche:

             

Alexander Ubach-Utermöhl               Sarah Maria Schlesinger

Managing Director                               Managing Director

auu@blackprintbooster.vc                 sas@blackprintbooster.vc

Heike Gündling

Author Heike Gündling

More posts by Heike Gündling

Leave a Reply